40 Jahre Entwicklung in Bhutan im Spiegel des Bruttonationalglücks

Dasho Karma Ura: Vortrag anlässlich des Bhutantages in Bonn 2026

Dasho Karma Ura ist Buchautor, Historiker und Bruttonationalglück-Forscher in Bhutan. Aktuell ist Karma Ura  Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. 

Bhutan wird oft als Land des Bruttonationalglücks beschrieben, doch hinter dieser Formel steckt eine sehr konkrete Entwicklungsbilanz. Karma Uras „Snapshot of Bhutan“ zur 40. Jahrestagung der Bhutan-Himalaya-Gesellschaft in Bonn zeigt, wie sich das Land zwischen Tradition, sozialem Wandel und messbaren Fortschritten bewegt. Der Blick auf die GNH-Daten macht deutlich: Bhutan hat in den letzten Jahrzehnten nicht einfach „moderne Entwicklung“ kopiert, sondern einen eigenen Weg gesucht.

Besonders sichtbar wird das bei den Lebensbedingungen. In den Daten steigen die Einkommen, die Bildung und die Lebenserwartung; der GNH-Index selbst legt von 0.743 im Jahr 2010 über 0.756 im Jahr 2015 auf 0.781 im Jahr 2022 zu. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung klettert von 63.5 Jahren im Jahr 2005 auf 71.6 Jahre im Jahr 2022, während Deutschland im selben Zeitraum von 78.9 auf 80.7 Jahre steigt. Bhutan schließt also Lücken, auch wenn der Abstand zu wohlhabenden Ländern weiter groß bleibt.

Gleichzeitig zeigt der Vortrag, dass Entwicklung in Bhutan nicht linear und nicht überall gleich verläuft. Zwischen den Distrikten gibt es starke Unterschiede bei Einkommen, Bildung, Gesundheit und sozialer Teilhabe. So liegt Thimphu bei der Alphabetisierung deutlich vor abgelegenen Regionen, und auch die Einkommensunterschiede zwischen den Distrikten sind erheblich. Gerade diese innere Vielfalt ist wichtig, weil sie zeigt, dass nationale Durchschnittswerte in Bhutan nur einen Teil der Realität erfassen.

Ein zentrales Thema des Vortrags ist die Spannung zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und der Rolle von Landwirtschaft und ländlicher Lebensweise. Mit steigendem Einkommen nehmen Land- und Viehhaltung ab; gleichzeitig unterscheiden sich Arbeitszeit und Haushaltseinkommen deutlich zwischen den Distrikten. Das unterstreicht, dass Bhutan nicht nur vor der Aufgabe steht, Wachstum zu sichern, sondern auch die soziale und ökologische Basis des Landes zu erhalten. Für eine nachhaltige Entwicklung ist das entscheidend, weil Landwirtschaft, Dorfstrukturen und Natur eng miteinander verbunden bleiben.

Auch die sozialen Daten sind aufschlussreich. Bhutanische Haushalte berichten von deutlicher gegenseitiger Unterstützung, von Freiwilligenarbeit, Spenden und einer starken Rolle von Familie und Nachbarschaft. Zugleich zeigen die GNH-Daten, dass Frauen mehr unbezahlte Pflegearbeit leisten als Männer und sich Belastungen aus Krankheit, Alter und Sorgearbeit ungleich verteilen. Entwicklung bedeutet hier also nicht nur mehr Einkommen, sondern auch die Frage, wer die Lasten des sozialen Zusammenhalts trägt.

Besonders spannend ist der Blick auf das subjektive Wohlbefinden. Viele Menschen in Bhutan beschreiben Sinn, Spiritualität, Vertrauen und Gemeinschaft als zentrale Quellen von Lebensqualität. Die positiven Emotionen haben zugenommen, doch auch negative Gefühle wie Sorge und Stress sind präsent und haben sich teilweise verstärkt. Das passt zu einer modernen Gesellschaft im Wandel: Mehr Chancen gehen nicht automatisch mit weniger innerer Belastung einher.

Aus deutscher Sicht ist Bhutan deshalb mehr als ein exotisches Erfolgsmodell. Das Land erinnert daran, dass Entwicklungspolitik nicht auf BIP, Konsum und Infrastruktur reduziert werden darf. Wer Bhutan betrachtet, sieht eine Gesellschaft, die versucht, Wohlstand, Kultur, Umwelt und menschliche Beziehungen gemeinsam zu denken. Genau darin liegt die bleibende Aktualität des GNH-Ansatzes.